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Nostalgie 40
(zu alt für eine Antwort)
Ganzhinterseher
2021-01-03 13:00:34 UTC
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Hilbert hat übrigens die Polemik gegen Becker später in einen Vortrag eingebaut, den er im Dezember 1930 auf Einladung der Philosophischen Gesellschaft in Hamburg gehalten hat. In diesem Vortrag ”Die Grundlagen der elementaren Zahlenlehre“ heißt es im Rahmen von
Überlegungen zur prästabilierten Harmonie zwischen Natur und Denken über die Anwendung transfiniter Schlußweisen (Hilbert 1931, 387f:):

Endlich, wenn wir erst an alle Anwendungen denken und uns klarmachen, was für eine Fülle von transfiniten Schlüssen der schwierigsten und mühsamsten Art z. B. in der Relativitätstheorie und Quantentheorie steckt, und wie sich doch die Natur genau nach diesen Ergebnissen richtet: der Fixsternstrahl, der Merkur und die kompliziertesten Spektren hier auf Erden und in der Ferne von hunderttausenden Lichtjahren; sollten wir bei dieser Sachlage wegen der schönen Augen Kroneckers und einiger als Mathematiker verkleideter Philosophen aus Gründen, die noch dazu völlig willkürlich und gar nicht einmal präzise formulierbar sind, auch nur einen Augenblick an der Berechtigung der Anwendung des Tertium non datur zweifeln?

[Volker Peckhaus: "Becker und Zermelo"]
http://kw.uni-paderborn.de/fileadmin/kw/Institute/Philosophie/Personal/Peckhaus/Texte_zum_Download/becker_zermelo.pdf

{{Hilbert hat anscheinend tatsächlich an das Transfinite in der Relativitätstheorie geglaubt. Zu den 12 Leuten, die diese seinerzeit als einzige verstanden haben sollen, gehörte er also trotz anregender Zahlenakrobatik in dieser Richtung nicht wirklich. Verständlich wird bei dieser Sachlage die Einschätzung Zermelos (am 28. August 1928 an Marvin Farber)}} über Hilberts und Ackermanns Grundzüge der theoretischen Logik: Hilberts nun erschienene Logik ist mehr als dürftig, und auch von seiner immer angekündigten "Grundlegung der Mathematik" erwarte ich schon nichts Überwältigendes mehr. [H.-D. Ebbinghaus, V. Peckhaus: "Ernst Zermelo, An Approach to His Life and Work", Springer (2007) 293]

Gruß, WM
Mostowski Collapse
2021-01-03 16:05:09 UTC
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Ha Ha, als "Mathematiker verkleideter Philosophen". Das trifft
wohl das Kernproblem von WMs Ausführungen immer wieder...

LoL
Post by Ganzhinterseher
Hilbert hat übrigens die Polemik gegen Becker später in einen Vortrag eingebaut, den er im Dezember 1930 auf Einladung der Philosophischen Gesellschaft in Hamburg gehalten hat. In diesem Vortrag ”Die Grundlagen der elementaren Zahlenlehre“ heißt es im Rahmen von
Endlich, wenn wir erst an alle Anwendungen denken und uns klarmachen, was für eine Fülle von transfiniten Schlüssen der schwierigsten und mühsamsten Art z. B. in der Relativitätstheorie und Quantentheorie steckt, und wie sich doch die Natur genau nach diesen Ergebnissen richtet: der Fixsternstrahl, der Merkur und die kompliziertesten Spektren hier auf Erden und in der Ferne von hunderttausenden Lichtjahren; sollten wir bei dieser Sachlage wegen der schönen Augen Kroneckers und einiger als Mathematiker verkleideter Philosophen aus Gründen, die noch dazu völlig willkürlich und gar nicht einmal präzise formulierbar sind, auch nur einen Augenblick an der Berechtigung der Anwendung des Tertium non datur zweifeln?
[Volker Peckhaus: "Becker und Zermelo"]
http://kw.uni-paderborn.de/fileadmin/kw/Institute/Philosophie/Personal/Peckhaus/Texte_zum_Download/becker_zermelo.pdf
{{Hilbert hat anscheinend tatsächlich an das Transfinite in der Relativitätstheorie geglaubt. Zu den 12 Leuten, die diese seinerzeit als einzige verstanden haben sollen, gehörte er also trotz anregender Zahlenakrobatik in dieser Richtung nicht wirklich. Verständlich wird bei dieser Sachlage die Einschätzung Zermelos (am 28. August 1928 an Marvin Farber)}} über Hilberts und Ackermanns Grundzüge der theoretischen Logik: Hilberts nun erschienene Logik ist mehr als dürftig, und auch von seiner immer angekündigten "Grundlegung der Mathematik" erwarte ich schon nichts Überwältigendes mehr. [H.-D. Ebbinghaus, V. Peckhaus: "Ernst Zermelo, An Approach to His Life and Work", Springer (2007) 293]
Gruß, WM
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